Emil sitzt wie jeden Samstagvormittag in seinem Büro zu Hause und brütet über die neuesten Entwürfe seines Arbeitgebers. Draußen ist es ganz leise, mit Ausnahme seiner Kinder, die im Garten schaukeln und lachen. In der Ferne hört man ein Pferd wiehern. Es ist Frühsommer, er riecht den Duft von Gras. Die Blätter der Lindenbäume im Garten rauschen im Wind.
Ganz anders als früher – in der Stadt.
Ein stickiger, heißer und stinkender Moloch. Überall roch es nach Benzin und Abgasen. Ständig wurde gehupt. Er war froh, dass er mit seiner Familie aufs Land gezogen war. Seitdem wurde die Lungenerkrankung seiner Tochter Mary mit jedem Tag besser.
Jetzt muss er zwar jeden Tag in die Fabrik pendeln, aber das macht mit dem neuen Modell seines Arbeitgebers sogar Spaß. Endlich haben sie die Reichweite auf über 300 km gebracht – genauso wie der französische Konkurrent. Und auf der Arbeit kann er sein Fahrzeug kostenlos laden.
Er erinnerte sich an die vielen Male, die seine Familie zurückstecken musste:
„Papa, komm jetzt und bring mich ins Bett!“ forderte die kleine Mary von ihrem Vater. „Nur noch diese Zeichnung und dann komme ich zu dir, mein Schatz!“
Wie oft sagte er diesen Satz zu ihr. Aber als er dann fertig war, war sie bereits eingeschlafen. So ging das viele Monate.
Er blickt auf die verstreuten Pläne im Raum. Das Zimmer ist übersät mit Entwürfen auf Papier.
„Du liebst den Geruch von Papier, oder?“, hatte seine Frau einmal gesagt, als er sein Arbeitszimmer einrichtete und überall die Zeichnungen verteilte.
Sie ist sein Sonnenschein und seine Muse. Wann immer er nicht weiter weiss, hat sie eine Idee. Sie bestärkt ihn in seinem Handeln. Sie hält ihm den Rücken frei und plant alle privaten Termine für die Familie.
„Dem Elektroauto gehört die Zukunft, nicht dem Verbrenner.“
So hieß sein Vortragstitel – mit dem er seit Monaten durch die Kongresse zog.
Er wehrte sich gegen die Vorurteile der Zuschauer, plädierte für eine saubere Zukunft – und wurde ausgelacht. Oft wurde er unterbrochen mit Rückfragen, die nur darauf abzielten, seine Arbeit und ihn zu diskreditieren. Nach den Kongressen wollte niemand mit ihm sprechen, höchstens hier und da ein einzelner Student.
Emil steht auf, geht zum Fenster und blickt in den Garten.
Er denkt zurück. An früher.
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An das erste Elektroauto, das er als Kind sah – leise, elegant, beinahe schwebend, wie es in einem Frankreich-Urlaub an ihm vorbeisummte. In diesem Moment fasste er den Entschluss: Er wollte Elektroingenieur werden. Sein Vater unterstützte ihn. Er studierte in Berlin, baute später an der Straßenbahn in Leipzig mit.
Dann kam das Angebot aus den USA – nach einem Vortrag über städtische Elektromobilität. Er wanderte mit seiner Frau aus und wurde leitender Ingenieur bei einem großen Hersteller.
Zunächst lief alles gut. Sie bauten Nutzfahrzeuge – Postautos, Taxis, Kleinbusse. Später entwickelten sie sogar Reinigungsfahrzeuge für die Stadt. An einem flächendeckenden Ladenetz arbeitete er mit.
Und dann wagten sie sich an die Königsklasse: das private Automobil.
Doch der Markt reagierte verhalten. Reichweiten unter 300 km waren nicht vermittelbar. Gesundheitliche Argumente, Umweltfolgen, leiser Betrieb – all das verfing nicht. Die Werbestrategien der Verbrenner spielten mit Klischees: Männlichkeit, Kraft, Sound.
„Ein Auto muss laut sein, sonst ist es kein echtes Auto!“, sagte mal jemand in einer seiner Fragerunden.
Er atmet schwer. In letzter Zeit nimmt der Verkauf drastisch ab. Die politische Stimmung kippt. Rechte Kräfte erschweren den Markt, gerade in Deutschland. Der neue Prototyp gilt als letzte Hoffnung.
Letzte Woche war noch das Treffen mit den Investoren. Der neue Vertrag – Serienproduktion, eine neue Werkshalle. Mit leuchtenden Augen hat er die Vorteile des Elektroautos seiner Firma präsentiert. Mehr als ein verhaltenes Lächeln hat er an dem Abend nicht erhalten. Andere Investoren schauten auf ihre Uhr.
Bisher ist auch keine weitere Nachricht eingegangen.
Ein leises Summen reißt ihn aus den Gedanken.
Das Postauto kommt um die Ecke – elektrisch, wie es sein sollte. Sein Herz macht einen kleinen Sprung, es ist das Modell, das er mitenwickelte.
„Hallo, heute habe ich nur zwei Briefe für Sie!“, ruft der Zusteller.
„Vielen Dank“, antwortet Emil.
Der erste Umschlag trägt seine Adresse, geschrieben von seiner Tante. Ungewöhnlich. Er öffnet ihn.
Lieber Emil, liebe Clara,
Jetzt haben sie es vollbracht: Die letzte Ladesäule in der Tremont Street ist abgebaut.
Jetzt gibt es nur noch Tankstellen. Ich habe geweint, Emil.
Ich weiß, du hast dein Leben dafür gegeben…
Er setzt sich langsam. Wieder eine Stadt weniger. Der zweite Brief ist schmal. Absender: sein Arbeitgeber.
Er schneidet ihn auf. Tausende Gedanken rasen ihm durch den Kopf.
Dann liest er – und bricht in Tränen aus.
Sehr geehrter Herr Hartmann,
Nach Absprache mit den Investoren stellt die Columbia Electric Vehicle Company mit sofortiger Wirkung den Betrieb ein.
Auf Grund veränderter Marktbedingungen wird Ihr Arbeitsvertrag zum nächsten Freitag, den 01. Mai 1925 aufgehoben.
Wir danken für Ihren Einsatz in unserer Firma und verbleiben mit freundlichen Grüßen.—–
Und wer nicht glaubt, dass diese Geschichte so oder so ähnlich passieren konnte, kann gerne hier nachlesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Elektroautos
